So setzt sich die Schweiz (und die SBB) für kolumbianische Jugendliche ein

Zwei Wochen lang weilen zwanzig Jugendliche aus Kolumbien im Jugendsportzentrum in Tenero (TI). Die SBB sponserte die Zugreise der Gruppe vom Flughafen Zürich ins Tessin.

Nach einer langen Reise fast am Ziel: Fünf Tage lang war die kolumbianische Delegation unterwegs. Gut gelaunt geht’s mit dem Zug weiter nach Tenero.
Nach einer langen Reise fast am Ziel: Fünf Tage lang war die kolumbianische Delegation unterwegs. Gut gelaunt geht’s mit dem Zug weiter nach Tenero.

    «Ist das jetzt der Tunnel?» fragt Felipe aufgeregt. Der Tunnel – damit meint der Teenager aus Kolumbien den Gotthardbasistunnel. Viel haben er und seine 19 mitgereisten Altersgenossen über das bauliche Meisterwerk gehört; von den Diplomaten der Schweizer Botschaft in Bogotá beispielsweise und zuletzt von Zugbegleiter Mauricio Hernández, kurz vor der Abfahrt ihres Zuges in Zürich. Zum grossen Tunnel ist es aber noch ein Stück, schliesslich hat der Zug den Hauptbahnhof gerade erst verlassen.

    Bundesrat fördert Sportdiplomatie

    Bundesrat Didier Burkhalter haben es Felipe und die anderen Jugendlichen aus dem Departement Nariño im Südwesten Kolumbiens zu verdanken, dass sie den Gotthardtunnel und die Schweiz aus nächster Nähe erleben dürfen. 2013 war Burkhalter als Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten EDA vom kolumbianischen Aussenministerium auf eine mögliche Zusammenarbeit in der Jugendförderung angesprochen worden. Burkhalter sagte zu, das Projekt «Diplomacia Deportiva» (Sportdiplomatie) war geboren.

    Wir wollen den Jugendlichen zeigen, wie gut sie neue Situationen meistern und so ihr Vertrauen in ihre Fähigkeiten stärken.

    Laurent Bernet, Eidgenössisches Departement für Auswärtige Angelegenheiten EDA

    Rund 20 Jugendliche werden seither jedes Jahr vom kolumbianischen Aussenministerium ausgesucht, um für zwei Wochen die Schweiz zu besuchen. Nach mehreren Jahren in Magglingen ist die Delegation dieses Jahr erstmals im nationalen Jugendsportzentrum Tenero untergebracht. Dort erwartet sie ein vielfältiges Programm, von Unihockey über Schwimmen bis hin zu Bogenschiessen. Viele der Sportarten, die auf ihrem Programm stehen, kennen die jungen Kolumbianer noch nicht. Das gehört zum Konzept: «Die Jugendlichen sollen lernen, sich auf Neues einzulassen. Wir wollen ihnen zeigen, wie gut sie neue Situationen meistern und so ihr Vertrauen in ihre Fähigkeiten stärken» erklärt Laurent Bernet vom EDA.

    Bernet organisiert das Projekt vom Bundeshaus aus und weiss um die Vorteile, die der Aufenthalt in der Schweiz den Jugendlichen bringt: «Die Teenager kommen aus einer Region, die stark vom bewaffneten Konflikt betroffen war», berichtet er, «die meisten von ihnen haben ihren Wohnort noch nie verlassen, sassen noch nie in einem Zug oder in einem Flugzeug». Darum sei die Reise in die Schweiz ein einmaliges Erlebnis. Und auch eine Chance: In Tenero werden die Jugendlichen nicht nur neue Sportarten kennenlernen, sondern auch erfahren, wie das Schweizer System von Jugend und Sport (J + S) funktioniert. Nach diesem Vorbild erarbeiten die Jugendlichen drei Projekte, damit die in der Schweiz gelernten Strategien in Kolumbien Wurzeln schlagen.

    1 | 4 Julián Jaramillo Escobar von der kolumbinaischen Botschaft und Laurent Bernet vom EDA begrüssen die Jugendlichen am Flughafen Zürich.
    2 | 4 Kurz durchatmen und ausruhen…
    3 | 4 …bevor es weitergeht.
    4 | 4 Erste Begegnung mit der SBB: Die jungen Kolumbianerinnen und Kolumbianer machen sich auf den Weg ins Tessin.

    Seit fünf Tagen unterwegs

    Die Reise von Nariño nach Zürich ist lang: Seit fünf Tagen sind die Teenies unterwegs. Doch sie haben die Reise gerne auf sich genommen, denn sie ist der Lohn für ihren Fleiss in der Schule, im Sportverein und in ihrer Gemeinschaft.

    Kurz nach der Landung am Flughafen ist ihnen die Müdigkeit dennoch anzusehen. Nichts, was ein Sandwich und ein Rivella nicht retten könnten. Und spätestens als Zugbegleiter Mauricio Hernández eintrifft, kommt Bewegung in die müden Gelenke. Der Tessiner mit mexikanischen Wurzeln hat sich auf Anfrage von «Unterwegs» bereit erklärt, die Jugendlichen aus Kolumbien in einem Sonderarbeitseinsatz in die Welt der SBB einzuführen. «Das Projekt hat mich sofort überzeugt. Es ist für mich Ehrensache, als spanischsprachiger Begleiter mitzuhelfen, wo ich kann», erklärt er, wendet sich ab und trommelt seine Schützlinge zusammen. Im Gänsemarsch geht’s in Richtung Zug, der die Gruppe via Zürich nach Tenero bringen wird.

    Am Hauptbahnhof lässt sich Hernández einen kurzen Umweg über den Treffpunkt und den neuen unterirdischen Bahnhof Löwenplatz nicht nehmen: Die Teenies sollen einen Eindruck vom – verhältnismässig wohl geordneten – Gewimmel an einem Schweizer Bahnhof bekommen. Am Abfahrtsgleis zückt Mauricio Hernández schliesslich eine Taschenlampe und beleuchtet damit verschiedene Punkte der Schweiz auf einer der ausgestellten Fahrplankarten. Da ist er wieder, der Gotthardbasistunnel.

    1 | 4 Die erste Schweizer Etappe ist geschafft: Am Hauptbahnhof steigt die Gruppe um.
    2 | 4 Mauricio Hernández legt sich ins Zeug: Hier gibt’s einen Geografie-Crashkurs für die Besucher aus Südamerika.
    3 | 4 Zugbegleiter Hernández in seinem Element: Die kolumbianischen Jugendlichen hören zu und stellen Fragen.
    4 | 4 Fast geschafft: Die Gruppe aus Kolumbien steigt in Bellinzona ein letztes Mal um.

    Investitionen in die Jugend sind Investitionen in die Zukunft

    Züge gibt es in Nariño nicht. Ganz allgemein lässt die Infrastruktur in der Region, die sich über Bergregionen und Pazifikküste erstreckt, zu wünschen übrig. Für eines ist Nariño aber bekannt: Hier wird Coca angepflanzt. Die Pflanze, aus der Kokain gewonnen wird, ist auch ein Grund, weshalb die Region zu einer der vom bewaffneten Konflikt geprägtesten Gegenden des Landes gehört: Über fünf Jahrzehnte lang litten die gut eine Million Einwohner unter der gewaltbereiten Herrschaft der bewaffneten Gruppen.

    Investitionen in den Nachwuchs sind darum besonders wichtig. Das hat das kolumbianische Aussenministerium erkannt und sich vor fünf Jahren mit der Bitte um Unterstützung bei Didier Burkhalter gemeldet. Und darum sitzt Felipe jetzt im Zug, der endlich durch den heiss ersehnten Gotthardbasistunnel fährt. Nur: Der Junge schläft. Nach solch einer langen Reise und den vielen neuen Eindrücken muss wohl auch der stärkste Sportler Forfait geben.

     

    Finanzierung des Projekts Sportdiplomatie

    Die Reise vom Wohnort der Jugendlichen bis an den Flughafen Zürich wird vom kolumbianischen Aussenministerium getragen. Die Schweizerische Eidgenossenschaft finanziert den Aufenthalt der Delegation im Jugendsportzentrum Tenero. Die SBB hat die Kosten für die Zugreise der diesjährigen kolumbianischen Delegation vom Flughafen Zürich nach Tenero übernommen.