Freie Bahn für die Wildtiere: der Wildtierkorridor im Suhret-Wald

Wenn eine Eisenbahnlinie mitten durch einen Wald führt, hat das auch Folgen für die Tiere. Wie kommen sie von der einen auf die andere Seite? Wie wird ihr Lebensraum sichergestellt? SBB Lokführer Markus Leutwyler hat sich bei Peter Meier, Projektleiter Umwelt von Seiten Infrastruktur, erkundigt.

    Als Lokführer fahre ich immer wieder durch Landschaften, die mich besonders ansprechen. Der Wald zwischen Rupperswil und Aarau, er heisst «Suhret», ist ein solcher Abschnitt. Im flachen Gelände stehen vorwiegend Laubbäume, die einen Einblick in den Wald gewähren. Der Boden ist licht und nicht von Brombeeren überwachsen. An den Waldrändern finden sich Farne, die im Herbst ein wunderschönes Farbenspiel bieten. Mitten durch diesen Wald führt die vierspurige Eisenbahnlinie. Viel Zeit habe ich als Lokführer allerdings nicht, die Natur zu bewundern. Denn normalerweise fahre ich hier ziemlich schnell durch: Mit bis zu 160 km pro Stunde! Und obwohl ich auf meinen täglichen Fahrten immer wieder Tiere sehe, ist mir auf diesem Abschnitt noch keines aufgefallen. Gibt es hier überhaupt Tiere? Und wie kommen sie von der einen Seite der Geleise zur anderen? Bei einer von zwei Unterführungen im Suhretwald ist mir aufgefallen, dass kein Weg hinführt. Stattdessen sieht die Umgebung aus wie eine kleine Waldlichtung: Gras, kleine Büsche, Erde. Peter Meier, Projektleiter Umwelt von Seiten Infrastruktur, klärt mich auf.

    1 | 2 Peter Meier, Projektleiter Umwelt
    2 | 2 Markus Leutwyler, Lokführer Personenverkehr

    Peter Meier, Was ist das für eine Unterführung?

    Das ist eine ehemalige Wegunterführung für Spaziergänger, die wir als Wildunterführung ausgebaut und umgestaltet haben. Dafür haben wir den Durchgang unter den Gleisen auf 15 Meter verbreitert. Der Weg wurde aufgehoben, damit keine Menschen die Wildtiere stören. Die unmittelbare Umgebung haben wir für Wildtiere mit Wiesen, Gebüschen und Kleinstrukturen wie Baumstämmen, Ästen und Steinhaufen attraktiv gemacht.

    Nutzen die Tiere diesen Wildtierkorridor?

    Wir haben mit Fotofallen untersucht, ob die umgesetzten Massnahmen die erhoffte Wirkung haben. In den Unterführungen wurden bisher Rehe, Füchse, Iltisse, Dachse, Steinmarder, Baummarder und Eichhörnchen nachgewiesen. Die Rehquerungen haben in den letzten drei Jahren stetig zugenommen. Die Auswirkungen auf die Wildtiere sind offensichtlich positiv. Es war somit richtig, dass wir die Umgebung wildtierfreundlich gestaltet und den Weg aufgehoben haben, um die Störungen durch Menschen zu minimieren.

    Gibt es in diesem Gebiet noch andere Tiere?

    Neben den bereits erwähnten Arten könnten auch Wildschwein, Hirsch, Gämse oder Luchs auftreten. Das Wildschwein hält sich bereits regelmässig in der Umgebung auf und wir sind gespannt, wann es die Unterführung nutzt.

    Hat dieser Wildtierkorridor eine überregionale Bedeutung?

    Der Wildtierkorridor ermöglicht die grossräumige Verbindung zwischen Jura und Mittelland. Er ist in dieser Hinsicht von nationaler Bedeutung. Heute ist die Verbindung der tierischen Lebensräume vor allem durch die Barrieren der Autobahnen A1 und der Aaretalstrasse T5 weitgehend unterbrochen. Bei den Autobahnen sind deshalb Wildüberführungen in Planung. Sobald diese Hindernisse behoben sind, wird der Wildtierkorridor der SBB voll zur Geltung kommen.

    Was macht die SBB sonst noch für die Wildtiere?

    Konflikte mit Wildtierkorridoren wie im «Suhret»-Wald sind zum Glück selten. Denn Bahnlinien sind meistens nicht so grosse Hindernisse wie Strassen. Bei der eingezäunten Strecke zwischen Olten und Bern wurden drei Wildtierüberführungen gebaut, zum Teil kombiniert mit Querungen der Autobahn. Ansonsten verzichten wir möglichst auf Zäune, um Tierwanderungen zu erlauben. Viele Bahnböschungen ziehen sich übrigens als «Lebensadern» durch die intensiv genutzte Landschaft. Sie beherbergen oft Kleintiere wie geschützte Eidechsen. Und in jedem Fall gilt für uns: Sind bei Bauvorhaben geschützte Tiere betroffen, optimieren wir, falls notwendig, ihren Lebensraum, indem wir zum Beispiel Steinhaufen oder Steinlinsen anlegen.