Exklusives Interview mit dem SBB Projektleiter für selbstfahrende Fahrzeuge

Dass unmittelbar nach SBB Green Class und der Reiseplaner App ein weiteres Innovationsprojekt im Bereich Mobilität lanciert würde – das wussten bis heute wohl nur eine Handvoll Eingeweihte. Darunter Zoltan Laszlo.

    Als Projektleiter bei der SBB gehört Zoltan Laszlo zu einer Gruppe von Leuten, die an zukunftsorientierten Projekten rund um das Thema Kombinierte Mobilität für die SBB im Konzernentwicklungsteam von SBB Chef Andreas Meyer arbeiten.

    Seit über einem Jahr ist Zoltan bei der SBB für die strategische Initiative Selbstfahrende Fahrzeuge tätig, unter anderem für die Umsetzung und Entwicklung von Pilotprojekten. Als Experte im Bereich autonome Mobilität weiss er, dass dem CEO das neuste Projekt persönlich viel bedeutet: «Herrn Meyer liegt die Zukunft am Herzen – er denkt langfristig.» Im exklusiven Interview erklärt Zoltan Laszlo das smarte Innovationsprojekt im Detail und gibt einen Ausblick auf zukünftige Etappen.

    Dimitri Burkhard, SBB Greenclass Blogger, spricht exklusiv mit Zoltan.

    Dimitri Burkhard: Möchtest du das Konzept der autonomen Mobilität kurz erläutern? Weshalb investiert die SBB in diesem Bereich?

    Zoltan: Die SBB ist vorausschauend. Es ist kein Geheimnis, dass im Zuge der fortschreitenden Automatisierung und Digitalisierung neue Geschäftsmodelle entstehen – gerade auch im Bereich der Mobilität. Automobilhersteller und Taxiunternehmen, aber auch Bahnbetriebe wie die SBB sind daran interessiert, die Fortbewegung langfristig möglichst flexibel zu gestalten. Der Pilot wird zeigen, wie mit selbstfahrenden Autos die gesamte Mobilitätskette kundenfreundlich und einfach organisiert werden kann, und wie die Angebote verschiedener Partner dafür nahtlos ineinandergreifen.
    Die Schweiz ist prädestiniert für ein Pilotprojekt mit selbstfahrenden Fahrzeugen. Wir haben zahlreiche Vorteile, sei es einen hohen Innovationsgrad, das existierende hervorragende öV-Netz, und eine gute Zusammenarbeit in der Branche, wie etwa mit dem SwissPass. Weltweit finden zwar bereits Tests mit autonomen Personentransporten statt, aber meistens liegt der Fokus auf dem Reifegrad der Technologie oder den Kundenreaktionen. Wir möchten selbstfahrende Fahrzeuge hingegen im Kontext der kombinierten Mobilität pilotieren.

    Dimitri Burkhard: Was können wir von den selbstfahrenden Bussen in Zug konkret erwarten?

    Zoltan: Ab diesem Sommer werden in der Stadt Zug zwei Shuttle-Busse unterwegs sein, die zu 100 Prozent elektrisch angetrieben sind. Die Busse werden in das bestehende Verkehrsnetz von Zug integriert und können kostenlos benutzt werden.
    Wenn du zum Beispiel in Richtung Technologie Cluster weiterreisen möchtest, kannst du am Bahnhof bequem auf einen selbstfahrenden Shuttle-Bus umsteigen. Mit einer mittleren Geschwindigkeit gliedert sich der Bus dann autonom in den existierenden Verkehr ein. Die Sicherheit der Fahrgäste steht natürlich über allem. Deshalb gibt es wie in anderen Pilotprojekten auch in den Zuger Bussen je einen Sicherheitsfahrer, der jederzeit einschreiten kann.
    Schliesslich können wir in zukünftigen Projektphasen die Komplexität der Dienstleistung weiter nach oben schrauben: Stell dir vor, du könntest per App jederzeit einen Shuttle vor die Haustüre bestellen… aber das ist noch Zukunftsmusik.

    Dimitri Burkhard: Um ein solch nahtloses Mobilitätserlebnis zu gewährleisten, braucht es einen immensen Koordinationsaufwand. Kannst du uns etwas über die Partner verraten?

    Zoltan: Um den Weg von Punkt A nach Punkt B nahtlos zu gestalten, bedarf es tatsächlich einer komplexen Orchestrierung aller Verkehrsteilnehmer. Deshalb hat die SBB dieses Projekt von Anfang an zusammen mit verschiedenen Partnern entwickelt.
    Im Kern ist die Stadt Zug, ein sehr geeigneter Standort. Dies nicht nur aus stadtplanerischer Sicht, sondern vor allem auch wegen der progressiven Gesinnung der Stadtregierung. Zusammen mit der Mobility Carsharing Genossenschaft, der Zugerland Verkehrsbetriebe (ZVB) und dem Technologie Cluster Zug ziehen wir alle an einem Strick. Wir möchten gemeinsam voranschreiten und von den gegenseitigen Stärken profitieren.

    Dimitri Burkhard: Gibt es gewisse Hypothesen, die während diesem Pilotprojekt getestet werden?

    Zoltan: Gerade hinsichtlich neuen Mobilitätsformen wollen die Partner in Zukunft Vorreiter sein und nicht überrascht werden. Im Pilotversuch werden schrittweise unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten von selbstfahrenden Fahrzeugen getestet: als Shuttleservice, integriert ins Netz des bestehenden öffentlichen Verkehrs, als flexibles On-Demand-Angebot (auf Abruf) und als Zubringer zum Bahnhof sowie als zukünftiges Element eines Carsharing-Angebots für ein definiertes Gebiet in der Stadt Zug.
    Die Komplexität hinsichtlich Routenführung und Angebot wird während des Pilotprojekts kontinuierlich gesteigert. Der Pilot entspricht dem Anspruch, die ganze Mobilitätskette zu organisieren und dabei zusammen mit Partnern und Kunden innovative Lösungen voran zu bringen.
    Ebenfalls möchten wir bei der Bevölkerung Vertrauen für diese neue Technologie aufbauen. Wir werden auch gespannt mitverfolgen, ob die Reaktionen je nach Generation anders ausfallen. Versuche in anderen Städten haben bisher gezeigt, dass ein positives «Aha»-Erlebnis zu einer raschen Adaption der Technologie führt – das Alter der Passagiere ist da eher zweitrangig.
    Die involvierten Partner haben eine positive Einschätzung, sonst würde die SBB dieses Projekt kaum verfolgen. Aber am Schluss steht bei uns der Kunde im Zentrum. Die Bedürfnisse zu erkennen und bestmöglich zu erfüllen steht bei uns ganz zuoberst.

    Vielen Dank für den interessanten Einblick in die Zukunft der autonomen Mobilität!